1. Start
  2. Sucht und Prävention
  3. Suizidäusserung ernst nehmen

Suizidäusserung ernst nehmen

Merkblatt Suizidäusserungen ernst nehmen

Falsche Vorstellungen und Irrtümer
  • Wer vom Suizid redet, wird ihn nicht begehen. Falsch: Auf 10 Suizidanten kommen 8, die unmissverständlich von ihren Absichten gesprochen haben.
  • Ein Suizid geschieht ohne Vorzeichen. Falsch: Viele Betroffene haben sich lange genug durch unmissverständliche Zeichen oder Handlungen bemerkbar gemacht – vergebens.
  • Wer einen Suizid begeht, will sich unbedingt das Leben nehmen. Falsch: Die meisten Suizidanten schwanken zwischen dem Wunsch zu leben und zu sterben. Doch kaum einer nimmt diesen Kampf richtig wahr. Und falls doch, dann ist man hilflos: Was tun?
  • Wer einmal zum Suizid neigt, wird es immer wieder tun. Falsch: Suizidanten haben im allgemeinen nur während einer begrenzten Zeit ihres Lebens den Wunsch, sich zu töten. Das kann sich allerdings wiederholen.
  • Wenn sich eine suizidale Krise auflöst bedeutet das auch das Ende des Risikos. Falsch: Die meisten Suizide geschehen wenige Monate nach Beginn der Besserung, wenn der Patient von neuem die Energie hat, (selbstzerstörerische) Entschlüsse zu fassen und auszuführen.
Besonders zu achten ist auf eine wachsende gefühlsmässige Einengung

Der Betroffene fühlt sich überwältigt, erdrückt, erlebt sich klein, ohnmächtig, hilflos, ausgesetzt und ausgeliefert. Dadurch gerät er in Passivität, Resignation und Hoffnungslosigkeit, was sich in Rückzug und Isolationsneigung äussert.

Aufgestaute und nicht abgeführte Aggressionen

Sie entstehen meist aus dem Gefühl einer „ohnmächtigen Wut“, gespeist aus vielfältigem Versagen und Enttäuschungen, von der frühen Kindheit bis heute. Wichtig: Viele dieser Menschen sind aggressionsgehemmt. Kann man also den anderen nichts anhaben, weil man sich nicht getraut, so steht doch ein Opfer stets bereit: die eigene Person („Aggressionsumkehr“).

Rückzug aus der Realität durch Flucht in einer Phantasiewelt

Wer flieht, wird immer hilfloser und ist dem Zwiespalt zwischen Scheinwelt und Wirklichkeit immer stärker ausgeliefert. Zwar ist eine Phantasiewelt nicht nur negativ, doch in diesem Fall hat sie nur ein Ziel: die Selbstvernichtung, die zuerst in aktiv herbeigeführten und später sich passiv aufdrängenden Suizidphantasien vorweggenommen wird.

Was spricht für eine erhöhte Suizidgefahr?
  1. Frühere Suizidversuche oder suizidale Äusserungen
  2. Vorkommen von suizidalen Handlungen oder Androhungen im Bereich der Verwandtschaft oder näheren Umgebung (Nachahmungseffekt, Sogwirkung, Identifikationsneigung)
  3. Offene oder versteckte Suizid-Drohungen
  4. Äusserungen konkreter Vorstellungen über Vorbereitung oder Ausführung
  5. Selbstvernichtungs- und Katastrophenträume
  6. „Unheimliche Ruhe“ nach vorangegangener suizidaler Unruhe, Aufgewühltheit und Zerrissenheit
  7. Ängstlich-gespanntes oder getriebenes Verhalten
  8. Langdauernde, zermürbende Schlafstörungen
  9. Unterdrückte Gefühlsausbrüche und Aggressionsstauungen
  10. Beginn oder Abklingen depressiver Phasen
  11. Biologische Krisenzeiten: Pubertät, Schwangerschaft, Stillzeit, Wechseljahre, Rückbildungsalter
  12. Schwere Schuld- und Unfähigkeitsgefühle
  13. Unheilbare Krankheit oder Wahnvorstellung von einer unheilbaren Krankheit
  14. Alkoholismus, Rauschgiftsucht, Medikamentenabhängigkeit, Mehrfachabhängigkeit
  15. Familiäre Probleme in der Kindheit (Trennung, Scheidung, Tod eines Elternteils, Stiefeltern, Heimaufenthalt)
  16. Fehlen oder Verlust mitmenschlicher Kontakte (Vereinsamung, Entwurzelung, Liebesenttäuschung)
  17. Berufliche und finanzielle Schwierigkeiten
  18. Fehlen eines Aufgabenbereichs und Lebensziels
  19. Fehlen oder Verlust tragfähiger religiöser Bindungen
Wie helfen?

Die im normalen Alltag üblichen und meist auch sinnvollen Vorschläge, Ermahnungen und wohlmeinenden Aufmunterungen sind im Gespräch mit Suizidgefährdeten oft fehl am Platz. Denn es dürfte für den Betroffenen kaum einen Lösungsansatz geben, den er nicht schon selber erwogen, geprüft und wieder verworfen hätte. Die Wiederholung solcher Argumente muss ja den Eindruck erhärten, es sei schon wirklich alles versucht worden – umsonst. Daher soll man nach und nach mit großer Vorsicht die aufgestauten Aggressionen zu kanalisieren versuchen. Wichtig ist vor allem das laute und deutliche Ansprechen und Aussprechen und damit Bewusstmachen bisher unbewusster oder verdrängter zwischenmenschlicher und persönlicher Probleme. Dazu gehört eine Reihe von gezielten Fragen, die in einer solchen Notsituation „Luft schaffen können“. Sie wirken zwar auf den ersten Blick sehr persönlich, direkt, indiskret, fast unzumutbar. Andererseits: Wie hoch kann der Preis werden, wenn sich die Zurückhaltung nicht auszahlt? Was ist wichtiger: Die Wahrung sogenannter gesellschaftlicher Normen oder die Erhaltung eines Lebens?

Mögliche Fragen
  • Haben Sie gegen jemanden Wut, Zorn oder Hassgefühle, die Sie unterdrücken müssen? – Aggressionen, die unterdrückt werden (müssen) können sich gegen die eigene Person richten.
  • Haben sich Ihre Interessen, Gedanken und zwischenmenschlichen Kontakte gegenüber früher eingeengt? – Je mehr sich die Aussenkontakte reduzieren, die Gefühlswelt verarmt, das Blickfeld einengt, die Zukunft „röhrenförmig“ auf suizidale Impulse zentriert, desto grösser die Gefahr.
  • Haben Sie schon daran gedacht, sich das Leben zu nehmen? – Diese an sich schockierende Frage löst eine heimliche Suizidgefahr nicht aus, sondern macht sie dem Betroffenen oftmals erst richtig bewusst. Je konkreter nun seine Vorstellungen oder gar Vorbereitungen, desto grösser die Gefahr.
  • Denken Sie bewusst daran oder drängen sich derartige Gedanken bereits auf, auch wenn Sie es nicht wollen? – Suizidideen, die sich passiv aufdrängen, sind gefährlicher als selbst herbeigeführte Selbstmordphantasien.
  • Haben Sie schon über Ihre Absichten mit jemanden gesprochen? – Jede Form von Ankündigung, versteckte wie demonstrativ erscheinende, muss stets ernst genommen werden.
  • Natürlich müssen solche Fragen zur Klärung und Behandlung vor allem dem Arzt vorbehalten bleiben. Und selbstverständlich sollte man auch alle Kraft darauf verwenden, den Patienten in ärztliche Behandlung zu bringen. Andererseits kann sich auch der Laie in bestimmten Situationen nicht seiner Verantwortung entziehen. Und oft ist es sehr schwer, den Patienten von einer Arzt-Konsultation zu überzeugen, wobei der eigentlich dafür zuständige Psychiater oft noch mehr gescheut wird als der vertraute Hausarzt.
  • Doch der offene Dialog ist schon deshalb fruchtbarer, weil auch der Suizidwillige lange nicht weiss, was er nun eigentlich will und vor allem wie, wo und wann er es will. Allein die Aussprache über die selbstzerstörerischen Impulse schwächt aber diese gefühlsmässigen Spannungen meist entscheidend ab. Dagegen sind Rückzug und damit Isolationsgefahr bzw. gar der Abbruch aller mitmenschlichen Kontakte nicht nur überaus gefährlich, sondern auch viel häufiger als man annimmt. Deshalb auf die Stillen oder still Gewordenen achten.

Und nicht vergessen, frühzeitig selber fachliche Hilfe anfordern. Alle aktuellen Adressen findet man auf dieser Seite.

Aktualisiert am Dezember 2, 2021

Artikel-Anhänge

War dieser Artikel hilfreich?

Ähnliche Artikel

Kommentar hinterlassen