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ADHS ein vielschichtiges Thema

 

ADHS ein Thema, dass uns immer wieder in den Kursen begegnet. Was können wir als Berufsbilderinnen und Berufsbildner machen? Wo brauchen sie Unterstützungen und wo sind unsere Grenzen.

Corinne Dolder ist eine ausgewiesene Fachfrau in für diese komplexe Thema und sie hat einige wichtige Punkte in diesem New’s Letter zusammengefasst. Und allen die mehr darüber Wissen möchten empfehlen wir den Weiterbildungstag mit Corinne Dolder.

 

A    Was ist AD(H)S?

Einige Schwierigkeiten von AD(H)S- Betroffenen kennen bestimmt viele Leser!  Jedoch erleben wir Häufigkeit, Stärke und Intensität  in einem geringeren Ausmass, als  dies AD(H)S-Betroffene tun.

Die 3 Kernsymptome von AD(H)S zeigen sich in

  1. einer Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit und der Konzentration
  2. einem starken Bewegungsdrang, einer Unruhe und Rastlosigkeit oder umgekehrt in einer stillen, verträumten, beinahe apathischen Ausdrucksweise
  3. einer Impulsivität (fehlenden Selbstkontrolle und stark herabgesetzten Frustrationstoleranz)

(Aufmerksamkeits – Defizit  – Störung…H steht für hyperaktiv/hypoaktiv)

Zusätzlich können Wahrnehmungsstörungen die Verarbeitung von gehörten und gesehenen Reize verzerren.  Tast- und Bewegungssinne  sind manchmal ebenso davon betroffen, wodurch  Koordinationsprobleme in der Grob- und Feinmotorik, ein schlechtes Körpergefühl, unkontrollierte Bewegungen und ein Raumorientierungsproblem auffallen können.

In der Schule und in der Ausbildungszeit  fällt häufig die fehlende Daueraufmerksamkeit  auf.  Im zwischenmenschlichen Bereich können sich viele schlecht einordnen, ecken durch ihr Verhalten  bei Gleichaltrigen an und werden im schlechtesten Fall zu Sündenböcken und Einzelgänger. Nachfolgeprobleme wie auffällige Verhaltensweisen, Suchtprobleme und Depressionen, sowie ein stark beeinträchtigtes Selbstwertgefühl sind häufiger als beim durchschnittlichen Jugendlichen. Die emotionale und soziale Reifeentwicklung ist oft verzögert.

Neben vielen eher schwierigen Auffälligkeiten von AD(H)S- Betroffenen gibt es  eine Reihe Dinge, die AD(H)S- Betroffene enorme Vorteile verschaffen können. Beispielsweise ist Ihre Kreativität oft überdurchschnittlich entwickelt. Ihre Assoziationsfähigkeiten, ihre  Art zu denken und  zu entwickeln verhilft ihnen in vielen Bereichen zu ausserordentlich guten Leistungen.  In  Extremsituationen reagieren sie häufig gezielt und souverän. Es gibt einige berufliche Umfelder, die für  ADHS Betroffene geradezu ideal  sind .

Ungefähr Jeder 10. Bis 15. Jugendliche ist von AD(H)S  betroffen. Die Forschung geht heute davon aus, dass AD(H)S genetisch bedingt ist und vererbt wird.  Es wächst sich im Erwachsenenalter nicht immer aus. Die Beeinträchtigungen sind sehr unterschiedlich in Art, Stärke und Zeitdauer. So hat ein junger Mensch zum Beispiel keine grossen Probleme mit seinem AD(H)S ein anderer hingegen  sehr schwerwiegende, sei es beim Lernen, beim Arbeiten, in der Freizeitgestaltung oder ganz allgemein im Beziehungsumfeld.

Viele Besonderheiten und Auffälligkeiten bei AD(H)S  im Betrieb können durch eine klare und strukturierte Umgebung wie auch  durch besondere unterstützende Massnahmen  im Ausbildungsalltag  vermindert werden. Manchmal ist  Hilfe von aussen erforderlich (Coaching, Medikamente, Therapeuten, etc.) Klären Sie immer ab, was Ihrem Betrieb, Ihnen und Ihrem Lernenden an zusätzlicher Unterstützung zusteht! Mit etwas Geschick, Geduld und Zeitaufwand seitens der Berufsbildenden sind manche typischen AD(H)S Hürden gut zu überwinden, auch bei Lernenden.

B    10 wichtige Punkte, die Berufsbildende  beachten können im Umgang mit Lernenden die von ADHS oder ADS betroffen sind:

 

  1. Arbeitsplatz

Ein ruhiger, nicht überfüllter und gut aufräumbarer  Arbeitsplatz  ist von grossem Vorteil. In Grossraumbüros eine  Sicht- und Lärmabgrenzung einrichten.

Die Ablenkbarkeit durch Hören und Sehen  von AD(H)S -Betroffenen ist um ein Vielfaches erhöht gegenüber dem Durchschnitt. Das ungefilterte ständige Aufnehmen und Assozieren von äusseren und inneren Reizen braucht für die Betroffenen  viel Energie.

 

  1. Kommunikation

Missverständisse in der Kommunikation sind bei AD(H)S-Betroffenen sehr  häufige. Eine ruhige, klare, eindeutige und freundliche Sprache macht es einfacher.

Anweisungen nach Möglichkeit  1:1 erteilen.

Bei Anordnungen auf „Vielleicht“ verzichten. Keine „Hast du Verstanden“ anhängen. Lernende dazu auffordern zu sagen, wie sie jetzt beginnen und wie sie sich die Zeit verbindlich einteilen wollen. Allenfalls Unterstützung  zusichern!

Arbeitsabläufe möglichst verbindlich definieren.

Nicht zu viel  gleichzeitig kommunizieren.

 

  1. Zeit

AD(H)S-Betroffene  haben oft ein schlechtes Zeitgefühl. Wenn sie etwas sehr interessiert, vergessen sie häufiger als andere Menschen, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Sie vergessen dann auch Pausen, Nahrungsaufnahme etc. Deshalb ist es wichtig immer wieder zu fördern und zu fordern: Zeit einteilen; mit Hilfsmittel (Uhren, Pläne u.a.m.) arbeiten;  Pausen einfordern.

Eventuell mehr und öfter kontrollieren wie weit fortgeschritten die Arbeit ist und ob die Zeiteinteilung erfolgreich ist.

 

  1. Listen, Checklisten und Wolldecken

Listen und Checklisten sind enorm hilfreich, wenn sie angewandt werden.  Auch andere Hilfsmittel wie farbige Marker oder auch das Wolldeckenprinzip. Alle kennen das:  Wenn etwas gemacht werden soll, was wir nicht gerne machen ist plötzlich alles andere erledigt und abgehackt- nur leider was wir tun sollten,  bleibt weiterhin liegen. Das Wolldeckenprinzip meint bildlich: Alles unter einer Wolldecke verschwinden lassen und nur die Arbeit darauf legen, die jetzt erledigt werden muss. Vielen AD(H)S-Betroffenen hilft das, sich besser zu organisieren.

Berufsbildner haben hierbei eine Vorbildfunktion. Strategien zur Planung und Durchführung von Arbeiten entwickeln Sie am besten mit dem Lernenden gemeinsam.

Falls bei einer Arbeit ein Flow eintritt, bitte nicht unnötigerweise unterbrechen.

 

  1. Lernen

Häufig lernen AD(H)S-Betroffene schlecht aus  Erfahrung.  Modelllernen, Nachahmen liegt ihnen mehr. Dabei sind Sie als Berufsbildner das ideale Modell, weil Sie ja ein gutes Vorbild sind!  AD(H)S-Betroffene sollten auch möglichst viel direkt ausprobieren können, so bleibt es besser  im Gedächtnis haften.

 

  1. Wiederholungen

AD(H)S-Betroffene  brauchen viel mehr Weiderholungen – bis zu 8 mal – bis etwas wirklich sitzt oder verstanden wird. Manchmal müssen auch Aufgaben, die einfach scheinen  mehrfach wiederholt werden! Wenn sie etwas begriffen haben und oft genug wiederholen dürfen, sitzt es aber besser und länger als bei jedem andern.

 

  1. Nicht nur Erfolg, sondern auch Anstrengungsbereitschaft loben.

Nicht nur allgemein viel Feedback geben, sondern gezielt auch die Anstrengung loben.

Für viele AD(H)S-Betroffene ist ein Arbeitstag  extrem dicht und intensiv durch die vielen Eindrücke, die sie ungefiltert aufnehmen.  Daher ermüden sie stärker als andere, was häufig nicht gesehen wird, da sie trotz allem dauernd in Bewegung sind.  Regelmässige Ermutigungen  und/oder Motivationsgespräche führen lohnt sich.  Dabei bitte immer wieder betonen, was schon geleistet worden ist.

Das Grosse Ganze im Auge behalten und nicht an Kleinigkeiten hängen bleiben!

 

  1. Starke Emotionen

Gegenüber den Berufsbildenden und den Lehrpersonen nehmen sich viele AD(H)S-Betroffene sehr zusammen und unterdrücken mit allergrösster Anstrengung ihre Impulsivität. Falls es trotzdem mal zu einem Ausbruch kommt , bleiben Sie bitte der Fels in der Brandung und nehmen Sie nichts persönlich. Emotionale und soziale Reifungsprozesse sind mit AD(H)S oft verzögert.

Machen sie es wie viele AD(H)S-Betroffene. Seien Sie nicht nachtragend!

 

  1. Nicht zu viel desselben

Bei repetitiven Arbeiten unterlaufen  AD(H)S-Betroffene häufig  Fehler. Daher bei solchen Tätigkeiten viele Pausen, Controllings  und abwechselnde Arbeiten einplanen lassen.

Monotonie und Unterforderung reduzieren!

 

  1. Step by Step

Vergessen Sie nicht ihren Humor mit ins Boot zu nehmen. Nicht auslachen, sondern zusammen lachen. Und – Jeder Tag ist ein Neubeginn!

Stimmt die Chemie, sind AD(H)S-Betroffene sehr zuverlässige und engagierte Menschen. Sie überzeugen durch ihre Kreativität und Spontaneität. Ihre Leichtigkeit und ihre direkte Art gefällt nicht  allen, lockert aber in Teams so manches auch gute Art auf.

 

 

 

Aktualisiert am Februar 26, 2018

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